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Dragos gönnte sich ein Bad in der Ehrfurcht seiner Untergebenen, die mit offenen Mündern den Ältesten in seiner UV-Licht-Zelle auf dem Bildschirm anstarrten. Wenn man das Staunen in ihren Gesichtern und ihre gebannte Ungläubigkeit sah, konnte man meinen, dass es ihm gelungen war, einen Blitz in einer Flasche einzufangen. Aber was er in den vergangenen langen Jahrzehnten erreicht hatte, war sogar noch großartiger als das.

Die sieben Stammesvampire, die mit ihm im Raum versammelt waren, blickten nun auf zu ihm wie zu einem Gott, und das mit Recht. Er war der Architekt einer Revolution, die den ganzen Planeten auf den Kopf stellen würde. Heute waren sie alle Zeugen eines Augenblickes von historischer Bedeutung und des Beginns einer Zukunft, die er höchstpersönlich entworfen hatte.

„Wie ist das möglich?", murmelte jemand. „Wenn das wirklich einer der Ältesten ist, die unsere Rasse gezeugt haben, wie hat er dann den Krieg mit dem Orden überlebt?"

Dragos lächelte und ging näher an den Bildschirm heran.

„Mein Vater war ein Gründungsmitglied des Ordens . . aber in erster Linie war er der Sohn dieser Kreatur. Als Lucan den Ältesten den Krieg erklärte und der Orden begann, sie niederzumetzeln, schlossen mein Vater und sein außerirdischer Erzeuger einen Pakt. Für seinen Anteil an der Macht der Zukunft würde mein Vater ihn verstecken, bis die allgemeine Hysterie sich gelegt hatte. Unglücklicherweise überlebte mein Vater den Krieg nicht, nachdem er seinen Teil des Paktes erfüllt hatte. Aber der Älteste hat ihn überlebt, wie Sie alle sehen können."

„Also haben Sie vor, den Pakt Ihres Vaters zu erfüllen mit diesem ... Ding?", fragte Fabien. Er ließ den Kopf hängen wie ein Schoßhund, der seinen Knochen gerade an einen wilden Wolf verloren hat.

„Der Älteste steht völlig unter meiner Kontrolle. Er ist ein Werkzeug, von dem ich Gebrauch mache, wann und wie es mir und unserer Sache dient."

„Und wie?", fragte ein anderes Mitglied der Gruppe.

„Gestatten Sie mir, es Ihnen vorzuführen." Dragos schlenderte zur Tür des Konferenzzimmers hinüber. Er schnippte mit den Fingern dem Jäger zu, der draußen wartete, dann drehte er sich um und ging zu seinen Verbündeten zurück, und der riesige Gen Eins folgte ihm gehorsam. „Zieh dein Hemd aus", befahl er dem Jäger.

Der hünenhafte Vampir gehorchte schweigend und entblößte mächtige Schultern und eine unbehaarte Brust, die ein dichtes Gewirr von Glyphen  bedeckte. Mehr als nur ein Augenpaar glitt zum Monitor hinüber, um die Hautmuster des Jägers mit denen der Kreatur in der UV-Zelle zu vergleichen.

„Ihre Dermaglyphen  sind ähnlich", keuchte Fabien.

„Dieser Mann ist ein direkter Abkömmling des Ältesten?"

„Ein Gen Eins, gezüchtet einzig zu dem Zweck, unserer Sache zu dienen", sagte Dragos. „Die Jäger in meiner persönlichen Armee sind die stärksten, tödlichsten Waffen der Welt. Sie wurden unter meiner Anleitung aufgezogen und speziell ausgebildet. Sie sind unfehlbare Kampfmaschinen und mir völlig ergeben."

„Wie können Sie sich da so sicher sein?", fragte der Leiter des Dunklen Hafens Hamburg, ein scharfsichtiger Mann, der die Live-Vorführung, die Dragos im Sinn hatte, zweifellos zu schätzen wissen würde.

„Wie Sie bemerken, trägt dieser Jäger ein Halsband. Es enthält einen GPS-Überwachungssensor, ist aber auch mit einem ultravioletten Laser ausgerüstet. Jeder Jäger trägt so ein Halsband, von dem Augenblick an, in dem seine ersten Schritte tut. Ich kann jede seiner Bewegungen verfolgen und ihn in kürzester Zeit orten. Und wenn er in irgendeiner Weise mein Missfallen erregt", sagte Dragos und warf dem Jäger, der in stoischer Ruhe neben ihm stand, einen bedeutungsvollen Blick zu, „genügt ein einfaches ferngesteuertes Signal, um den Laser zu aktivieren, und ein UV-Lichtstrahl, dünn wie eine Rasierklinge, leuchtet um den Hals des Jägers auf und schneidet ihm den Kopf ab."

Einige der Männer am Tisch tauschten unbehagliche Blicke aus.

Es war der Deutsche, der zuerst das Wort ergriff, seine Augen glitzerten vor Interesse. „Und was geschieht, wenn das Halsband beschädigt oder abgenommen wird?"

Dragos grinste, was nicht dem Deutschen, sondern dem Jäger galt. „Lassen Sie's uns einfach herausfinden."

 

Obwohl all ihre Instinkte ihr rieten, sich wie ein nächtlicher Einbrecher ins Haus zu schleichen, schritt Renata durch den westlichen Korridor des Verstecks ihres Feindes, als hätte sie jedes Recht, hier zu sein. Von einem der großen Räume im hinteren Teil des Gebäudes hörte sie ein tiefes Grollen von Männerstimmen. Sonst war es überall ruhig im Haus, bis ..

Das leise Schluchzen eines Kindes drang an ihr Ohr, es kam von einer Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte.

Mira.

 

Renata flog die Stufen hinauf und folgte dem Weinen bis ans Ende des Flurs. Nur eine der Zimmertüren war abgeschlossen. Sie fuhr mit der Hand oben über den Türrahmen, fand aber keinen Schlüssel.

„Verdammt", flüsterte sie und zog eine ihrer Klingen aus der Doppelscheide an ihrer Hüfte.

Sie zwängte die Spitze zwischen Tür und Türrahmen, direkt über dem Schloss, und hebelte ruckartig daran. Das Holz knackte und gab etwas nach. Zwei weitere Male, und endlich hatte sie genug Spielraum, um den Riegel hochzuschieben.

Hektisch und mit zitternden Händen öffnete Renata die Tür.

Mira war da, Gott sei Dank.

Ihr Schleier war fort, und sobald sie aufsah und die schwarz gekleidete Gestalt erblickte, die da zu ihr ins Zimmer kam, verkroch sie sich voller Entsetzen in der Ecke.

„Mira, ich bin's", sagte Renata und klappte ihr dunkles Helmvisier hoch. „Es ist okay. Kleines. Ich bin hier, um dich heimzubringen."

„Rennie!"

Renata kniete sich hin und breitete die Arme aus. Mit einem leisen, kleinen Aufschrei flog Mira hinein.

„Oh, Mäuschen", flüsterte Renata und küsste sie erleichtert auf den blonden Kopf. „Ich hab mir ja solche Sorgen um dich gemacht. Tut mir leid, dass ich nicht eher kommen konnte.

Geht's dir gut, mein Liebes?"

Mira nickte, ihre Ärmchen fest um Renatas Hals geschlungen. „Ich hab mir auch Sorgen um dich gemacht, Rennie. Ich hatte Angst, dass ich dich nie wiedersehe."

„Ich auch, Kleines. Ich auch." Am liebsten hätte sie das Kind gar nicht mehr losgelassen, aber sie mussten hier raus, bevor Fabien und seine Kumpane sie erwischten. Renata richtete sich wieder auf und nahm Mira auf den Arm. „Jetzt müssen wir hier schleunigst abhauen. Gut festhalten, ja?"

Renata hatte nicht einmal zwei Schritte mit dem Kind getan, als draußen aus allen Richtungen das Sperrfeuer von Maschinengewehren ertönte.

 

Dragos wollte gerade die Schönheit der Technologie vorführen, die das UV-Halsband des Jägers enthielt, als um das Haus herum plötzlich die Hölle losbrach. Die Anwesenden sprangen erschrocken von ihren Stühlen auf. Dragos warf Edgar Fabien einen vernichtenden Blick zu.

„Was ist da draußen los?", fragte er ihren Gastgeber wütend. „Ist das wieder eine Ihrer Pannen?"

Fabiens schmales Gesicht nahm eine ungute Blässe an. „I-ich weiß nicht, Sir. Was immer es ist, ich bin sicher, meine Agenten werden es unter Kontroll..."

„Fick deine Agenten!", brüllte Dragos. Er griff hektisch nach dem Funkgerät und bellte dem Steuermann des Bootes den Befehl zu, zum Anlegesteg zu kommen, dann stellte er sich direkt vor den Jäger. „Raus mit dir. Kümmere dich drum. Töte jeden, der dir begegnet."

Der Jäger, sein so perfekt ausgebildeter Soldat mit dem absoluten Gehorsam, stand einfach nur da, so unbeweglich wie eine steinerne Säule.

„Raus mit dir. Ich befehle es dir."

„Nein."

„Was?" Dragos traute seinen Ohren nicht. Er fühlte die Blicke seiner Untergebenen auf sich ruhen. Er konnte ihre Ungläubigkeit und ihren Zweifel mit Händen greifen.

Schweigen senkte sich über den Raum, Erwartung lag in der Luft. „Ich habe dir einen direkten Befehl erteilt, Jäger. Führe ihn aus, oder ich werde dich hier und jetzt vernichten."

Mitten in den Maschinengewehrsalven, die inzwischen unmittelbar am Haus ertönten, besaß der Jäger die Kühnheit, Dragos direkt in die Augen zu sehen und den Kopf zu schütteln. „Ich bin ein toter Mann, so oder so. Wenn du willst, dass ich kämpfe, damit du leben kannst, dann deaktiviere mein Halsband."

„Wie kannst du es wagen, so etwas auch nur zu denken ..."

„Du verschwendest nur deine Zeit", sagte der Jäger, offensichtlich unbeeindruckt von dem Chaos, das um ihn herum ausgebrochen war. „Befreie mich von dieser Fessel, du arroganter Dreckskerl."

Und genau in diesem Augenblick kam einer von Fabiens unfähigen Wachen zur offen stehenden Tür hereingerannt.

„Sir, wir stehen unter Beschuss, und zwar aus allen Richtungen. Wir wissen es noch nicht genau, aber da muss eine verdammte Armee aus den Wäldern im Anmarsch sein."

„Himmel!", keuchte Fabien. „Oh, Herr im Himmel! Wir werden alle sterben!"

Dragos fauchte wütend. Offenbar waren Fabiens Männer nicht einmal in der Lage, ihren eigenen Arsch zu sichern, ganz zu schweigen davon, angemessene Rückendeckung für die Gruppe hochrangiger Stammesfunktionäre zu gewährleisten, die momentan auf Dragos als Anführer bauten, der sie hier herausholen sollte. Die darauf warteten, dass er den Befehl erteilte, der sie entweder retten oder sie und ihre junge Revolution auf einen Schlag vernichten würde.

„Wir sind hier fertig", knurrte er. „Alle zur Hintertür raus, zum Boot. Mir nach."

Als die Gruppe begann, sich um ihn zu scharen, warf Dragos dem Jäger über die Schulter einen wütenden Blick zu. Keiner von beiden sagte ein Wort - der gegenseitige Hass in ihren Blicken war nur allzu deutlich -, als Dragos in die Tasche griff, die Fernsteuerung für das Halsband des Jägers herauszog und den Deaktivierungscode eingab.

Im selben Augenblick, als das Halsband mit einem Klicken entschärft war, riss der Jäger es sich vom Hals. Und dann, mit einem Blick, in dem sich Ungläubigkeit und kalte Entschlossenheit mischten, ging er aus der Tür nach draußen, direkt auf das Sperrfeuer zu.

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